„Wir müssen etwas damit machen”: Aufbruch beim ersten DDS-Seminar in Brasilien

Am 17. Oktober fand in Recife, im Nordosten Brasiliens, das erste Seminar von Decke des Schweigens in der Stadt statt. Fast 40 Teilnehmer aus rund sechs verschiedenen Gemeinden kamen zusammen, für das Team vor Ort ein großer Erfolg.

Zum historischen Hintergrund

Recife trägt eine Geschichte in sich, die von Zuflucht und von Ausgrenzung erzählt. Im 17. Jahrhundert entstand hier unter niederländischer Herrschaft die erste Synagoge Amerikas. Als die Portugiesen 1654 die Stadt zurückeroberten, mussten die Juden Recife verlassen. Eine Gruppe von ihnen gründete im heutigen New York die erste jüdische Gemeinde Nordamerikas. Im 20. Jahrhundert kamen wieder jüdische Einwanderer, die vor dem wachsenden Antisemitismus in Europa flohen.

Zugleich war in den 1930er-Jahren auch die NSDAP in Pernambuco aktiv. Sie zählte dort zwar nur wenige Dutzend Mitglieder, war aber in deutschen Vereinen, Firmen und Zeitungen präsent. NS-Propaganda erreichte die Stadt über Zeitungen, Filme und sogar über Zeppeline, für die Recife 1930 extra einen Landeturm baute. Nach dem Verbot der Partei 1938 und dem Kriegseintritt Brasiliens geriet die deutsche Gemeinde unter Überwachung und Spionageverdacht. Bis heute wissen viele Menschen in Recife nur wenig über diese Zeit.

„Wir müssen etwas damit machen”

Pastorin Ilana brachte in der Zeugnisrunde auf den Punkt, was viele bewegte: „Es sollte uns aufrütteln, dass Leute aus dem Ausland kommen und uns unsere Geschichte erklären und mehr darüber wissen als wir selbst. Wir müssen etwas damit machen.”

Eine jüdische Teilnehmerin aus dem Amazonasgebiet, deren Familie über Generationen hinweg viel Verfolgung erlitten hat, war ebenfalls dabei. In der Austauschgruppe geschah etwas, das sie tief berührte. „Brasilianer baten mich das erste Mal um Vergebung für das, was meiner Familie angetan wurde. So etwas habe ich noch nie erlebt”, erzählte sie.

 

Eine Erinnerung aus der Kindheit

Besonders bewegt hat uns das Zeugnis einer Architektin, die am Seminar teilnahm. Als sie von der NS-Propaganda in Recife hörte, kam ihr sofort eine Geschichte ihres Vaters in den Sinn. Er wurde 1927 geboren und verteilte als Junge zwischen 1937 und 1941 in Recife Zeitungen, die den Nationalsozialisten nahestanden. Sie berichtet:

„Ich kenne nicht alle Einzelheiten dieser Geschichte und kann auch nicht genau sagen, was mein Vater als Kind über den Inhalt dieser Zeitungen verstand. Doch diese Erinnerung brachte mich zum Nachdenken darüber, wie Antisemitismus in unsere Gesellschaft eingedrungen sein könnte und wie Menschen, selbst wenn sie nicht vollständig verstanden, was sie taten, an etwas so Schwerwiegendem beteiligt gewesen sein können.” 

Es gehe ihr nicht darum, ihren Vater, der damals nur ein Junge war, zu verurteilen oder von jeder Verantwortung freizusprechen. Es gehe darum, die historische Wahrheit anzuerkennen, Verantwortung dafür zu übernehmen, das Böse nicht weiterzutragen, und Versöhnung zu suchen. Hinzu kam eine weitere Ebene: Über die mütterliche Seite ihrer Familie hat sie selbst sephardisch-jüdische Wurzeln, Wurzeln, die gerade in Recife eine lange Geschichte haben. So kamen für sie verschiedene Teile ihrer Familiengeschichte zusammen. „Ich kann die Vergangenheit nicht verändern, aber ich kann entscheiden, wie ich in der Gegenwart lebe und wie ich dazu beitragen möchte, die Zukunft mitzugestalten”, schreibt sie.