Ein bewegendes Seminar in Wrocław

Wenn Familiengeschichten zur Sprache kommen

Ende Oktober fand in Wrocław (Breslau) ein Decke des Schweigens Tagesseminar statt. 100 Menschen aus 15 polnischen Städten waren gekommen – darunter erstaunlich viele junge Menschen.
Schon die erste Einheit über Segen und Fluch in Familien berührte viele tief. Ein Teammitglied erzählte von Flucht und Vertreibung in der eigenen Familie – von Schuld auf der einen und den Wunden des Heimatverlustes auf der anderen Seite. Gerade in Wrocław trifft das einen Nerv: Bis 1945 war die Stadt mehrheitlich deutsch. Nach der Vertreibung kamen Polen aus dem Gebiet der heutigen Ukraine hierher. Fast alle Teilnehmer berichteten dasselbe: in Wrocław geboren, aber die Wurzeln der Familie liegen in den heute ukrainischen Gebieten.

Versöhnung in den Gebetsgruppen

In den Kleingruppen wurde offen und ehrlich gebetet. Die meisten Teilnehmer haben Zwangsarbeiter in der direkten Verwandtschaft und kennen die Folgen dieser zerstörten Leben aus nächster Nähe: Alkoholismus, Gewalt, zerrüttete Familien und vor allem: Schweigen. Die Teilnehmer sprachen über ihre Opferhaltung und Verbitterung, aber auch über Antisemitismus und Blutschuld in den eigenen Reihen.
Als es darum ging, persönliche Erfahrungen zu teilen, brachen einige zum ersten Mal vor anderen ihr Schweigen. Eine Frau erzählte unter Tränen, wie sie als Kind immer gespielt hatte, dass sie Deutsche erschießt – und bat dafür um Vergebung. Eine andere Teilnehmerin, deren Vorfahren in Auschwitz ermordet wurden, weil sie Juden versteckt hatten, nahm die Bitte um Vergebung eines deutschen Teilnehmers an. Sie erzählte hinterher, wie wichtig es für sie war, vergeben zu können und loszulassen.

Nachwirkungen

Eine Sängerin aus dem Lobpreisteam meinte, sie habe so etwas noch nie erlebt und finde, dass eigentlich jeder Christ – egal wie alt – so ein Seminar mal mitmachen sollte. Viele wollen wiederkommen und sich weiter mit diesen Themen beschäftigen.