Über 100 Teilnehmer stellen sich der Familiengeschichte im Nationalsozialismus
Nach vielen Jahren fand in Norddeutschland, im südlich von Hamburg gelegenen Tostedt, wieder ein Decke des Schweigens Seminar statt. Mehr als 100 Teilnehmer aus der gesamten Region kamen zusammen, um sich gemeinsam der Familiengeschichte im Nationalsozialismus zu stellen.
Tostedt und das benachbarte Buchholz zählten in der NS-Zeit zu den Wahlhochburgen der Region. Bereits 1930 war die NSDAP in Buchholz stärkste Partei – mit einem Ergebnis weit über dem Reichsdurchschnitt. An der Bremer Straße ließ die Partei eine sogenannte „Ehrenhalle“ für Adolf Hitler errichten, ein Gebäude mit Säulen am Eingang, das als Kultstätte der NSDAP diente.
Schon am Eröffnungsabend wurde deutlich, wie tief die Verstrickungen vieler Familien in die nationalsozialistische Ideologie reichten. Für manche Teilnehmenden bedeutete das Seminar eine grundlegende Erschütterung des eigenen Selbstbildes:
„Ich war mein ganzes Leben lang stolz auf mein Interesse am Holocaust. Ich habe zig Gedenkstätten besucht und Bücher gelesen und mit dem Finger auf meine Großeltern gezeigt. Heute ist mir bewusst geworden, wie überheblich ich war – und dass ich zwar alles weiß, aber es nicht an mein Herz gelassen habe.“, erkannte eine Teilnehmerin.
Am Ende des tiefschürfenden Seminars traten knapp 20 Teilnehmende nach vorne, um in einem Gebet die Decke des Schweigens über ihrer Familie öffentlich zu zerbrechen. Unter ihnen waren Nachkommen von Erschießungskommandos in Daugavpils, von Lagerleitern, Angehörigen der Wehrmacht und Pastoren, die in der NS-Zeit die Ausgrenzung und Verfolgung der Juden gebilligt hatten.
Das Seminar machte einmal mehr deutlich: Versöhnung und Heilung beginnen dort, wo das Schweigen endet.





