Mein Denken war von Rassenideologie durchdrungen

„Ich konnte mich für meine eigene Denkweise, die ich – ohne, dass es mir gelehrt worden wäre – vom Nationalsozialismus übernommen hatte, beugen.“

Meine beiden Großväter waren Parteimitglieder und Soldaten der Wehrmacht. Meine Oma war beim BDM, also kann ich sagen, dass ich einen nationalsozialistischen Familienhintergrund habe.

Inzwischen bin ich über 20 Jahre Christ und in dieser Zeit hat Gott immer wieder, wie bei einer Zwiebel, einzelne Schichten von mir weggenommen. Was sich jedoch wie ein roter Faden durchgezogen hat, war meine Unfähigkeit, mit Schwäche umzugehen: mit Krankheit, Versagen, nicht zu funktionieren. Das waren für mich rote Knöpfe, sowohl bei mir selbst aber vor allem bei anderen Menschen. Gott konfrontierte mich mit seinem Wort: „Selig sind die Sanftmütigen“, denn in meinem Leben gab es eine grundsätzliche Aggression und ein Gefühl von ständigem Kampf. Ich wusste, dass, wenn ich damals in der HJ gewesen wäre, ich der erste gewesen wäre, der eine Fahne in der Hand gehabt hätte. Bei schwachen Menschen hatte ich Gedanken wie „Das sind Rohrkrepierer, Taugenichtse und Schwächlinge“. Gleichzeitig dachte ich über mich, ich müsse aus mir selbst heraus stark und gesund sein. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Eugenik und Rasse im Nationalsozialismus war für mich augenöffnend! Der Herr zeigte mir, wie sehr ich in der gleichen Denkweise lebte.

Als ich mir daraufhin die Fotos meines Großvaters aus dem Krieg nochmal mit der Lupe anschaute, bemerkte ich auf dem Fahrzeug, das auf vielen Fotos zu sehen war, das Symbol eines Wikingerschiffs. Das war das Zeichen der 110. Infanteriedivision, die u.a. an Kriegsverbrechen an der weißrussischen Zivilbevölkerung beteiligt war. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte ich nie verstehen, wofür ich Buße tun sollte. Ich konnte die Schuld meiner Vorfahren nicht sehen, weil mein eigenes Denken von der Rassenideologie durchdrungen war. Jetzt standen mir die Verbrechen meines Großvaters klar vor Augen. Ich konnte mich für meine eigene Denkweise, die ich – ohne, dass es mir gelehrt worden wäre – vom Nationalsozialismus übernommen hatte, beugen. Ich bin so dankbar, dass Jesus mich herausgerettet hat, und ich jetzt nicht mehr so leben und denken muss!

 

– Harald, Kiesinger, Metzgermeister